Umstrittene Vegetarier-Studie: Depressionen und Krebs durch Vegetarismus?

Einer aktuellen Studie zufolge sind Vegetarier kränker als Mischköstler. Sie litten häufiger an Krebs, Allergien, Angststörungen und Depressionen. Damit widerspricht die Arbeit anderen Fachveröffentlichungen teilweise erheblich. Ob die vegetarische Ernährung zu den Krankheiten oder die Krankheiten zum Vegetarismus führten, können die österreichischen Forscher nicht beantworten. Die Studie erschien in dem wissenschaftlichen Journal PLoS ONE. 

Die Ergebnisse der Arbeit sind mittels Befragungen zustande gekommen. Jeder Proband sollte Angaben dazu machen, wie gesund er sich nach eigener Einschätzung fühlt. Gut 1300 Personen wurden in die Untersuchung einbezogen. Darunter befanden sich 330 Vegetarier, bestehend aus Pescetariern, Vegetariern und Veganern. Eine Unterscheidung jener drei verschiedenen Formen vegetarischer Lebensweisen fand nicht statt. Sie wurden als ‚Vegetarier‘ in einer Gruppe zusammengefasst. Mehr als die Hälfte der ‚vegetarischen‘ Teilnehmer waren Pescetarier. Daneben gab es drei Gruppen von Mischköstlern: viel Fleisch, weniger Fleisch, hoher Anteil Obst und Gemüse.

Laut den Wissenschaftlern steht die vegetarische Ernährung mit einem fast doppelt so hohen Risiko in Verbindung, an Angststörungen oder Depressionen zu erkranken. Bei Krebs sei es circa dreimal höher, im Vergleich zu Mischköstlern, die weniger Fleisch essen. Weniger ausgeprägt, aber dennoch deutlich, sei die Wahrscheinlichkeit eine Allergie zu bekommen. Demgegenüber ermittelten die Forscher ein geringeres Risiko einer Harninkontinenz bei Vegetariern. Insgesamt beurteilte die vegetarische Gruppe ihre Gesundheit als weniger gut. Die Mischköstler hingegen berichteten häufiger, dass sie gesund seien. Alle anderen abgefragten Erkankungen wiesen keine statistisch relevanten Unterschiede auf.

Hinsichtlich des Krebsrisikos belegen die meisten Studien in etwa das Gegenteil: Die Wahrscheinlichkeit, Krebs zu bekommen, ist bei Vegetariern nicht größer, sondern wesentlich geringer (Tantamango-Bartley et al. 2013, Key et al. 2009, Sanjoaquin et al. 2004, Thorogood et al. 1994). Ungefähr 140 000 Personen wurden untersucht.

Bezüglich der psychischen Erkankungen gehen die Meinungen auseinander. Einige Autoren schreiben Vegetariern gar einen besseren Gemütszustand zu als Mischköstlern. Hinweise darauf, dass eine vegetarische Ernährung die Ursache für psychische Probleme wäre, gibt es keine. Ähnlich ist es mit den Allergien. Vegetarier könnten wegen ihrer Ernährungsweiese sogar einen besseren Schutz gegenüber Allergien aufweisen.

Aufgrund sozialer Schwierigkeiten stuften die Vegetarier auch ihre Lebensqualität als etwas geringer ein. Als Beispiele dieser Probleme werden soziale Beziehungen und die nicht-vegetarische Umwelt genannt, in der sie sich zurecht finden müssen. Außerdem würden chronische Erkankungen dazu beitragen. Der Grund für das vergleichsweise schlechte Abschneiden der Vegetarier hier könnte daran liegen, dass eine vegetarische Ernährung von wissenschaftlicher Seite oftmals zur Gewichtsreduzierung und zur Förderung der Gesundheit empfohlen wird, schreiben die österreichischen Autoren. Demnach könne der Vegetarismus eine Reaktion der Betroffenen auf bereits vorher vorhandene Krankheiten sein. Folglich wären sie nicht durch die vegetarische Ernährung erkrankt, sondern waren schon zuvor davon betroffen.

Weiterhin gaben die Vegetarier an, etwas häufiger zum Arzt zu gehen als die Mischköstler. Impfungen ließen sie jedoch seltener durchführen. Ebenso würden sie weniger oft Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen.

Darüber, wer die Studie finanziert hat, machen die Autoren keine genauen Angaben. Doch gerade bei einer derartig umstrittenen Arbeit wäre dies wichtig, wie eine Leserin des Fachmagazins PLoS ONE anmerkt.

[Update – 15:57 | 28.02.2014]  Mittlerweile geben die Autoren an, keinerlei finanzielle Unterstützung für die Studie erhalten zu haben.

[Update – 05.04.2014] Auch von Fachkollegen und Lesern des Fachmagazins wird die Studie scharf kritisiert. Einer plädiert gar dafür, die Studie aufgrund von Mängeln zu widerrufen.

 

  • Burkert, Nathalie T., Johanna Muckenhuber, Franziska Großschädl, Éva Rásky & Wolfgang Freidl, 2014: Nutrition and Health – The Association between Eating Behavior and Various Health Parameters: A Matched Sample Study. In: PLoS ONE, Ausgabe 9(2): e88278. DOI: 10.1371/journal.pone.0088278
  • Tantamango-Bartley, Yessenia, Karen Jaceldo-Siegl, Jing Fan & Gary Fraser, 2013: Vegetarian Diets and the Incidence of Cancer in a Low-risk Population. In: Cancer Epidemiology, Biomarkers and Prevention, Ausgabe 22(286). DOI: 10.1158/1055-9965.EPI-12-1060
  • Key, Timothy J., Paul N. Appleby, Elizabeth A. Spencer, Ruth C. Travis, Andrew W. Roddam & Naomi E. Allen, 2009: Cancer incidence in vegetarians: results from the European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC-Oxford). In: American Journal of Clinical Nutrition, Ausgabe 89(5), Seiten 1620S-1626S. DOI: 10.3945/​ajcn.2009.26736M
  • Sanjoaquin, M. A. , P. N. Appleby, M. Thorogood, J. I. Mann & T. J. Key, 2004: Nutrition, lifestyle and colorectal cancer incidence: a prospective investigation of 10 998 vegetarians and non-vegetarians in the United Kingdom. In: British Journal of Cancer, Ausgabe 90, Seiten 118-121. DOI: 10.1038/sj.bjc.6601441
  • Thorogood, M., J. Mann, P. Appleby & K. McPherson, 1994: Risk of death from cancer and ischaemic heart disease in meat and non-meat eaters. In: BMJ, Ausgabe 308. DOI: 10.1136/bmj.308.6945.1667
  • Beezhold, Bonnie L., Carol S. Johnston & Deanna R. Daigle, 2012: Vegetarian diets are associated with healthy mood states: a cross-sectional study in Seventh Day Adventist adults. In: Nutrition Journal, Ausgabe 9(26). DOI: 10.1186/1475-2891-9-26
  • Michalak, Johannes, Xiao Chi Zhang & Frank Jacobi, 2012: Vegetarian diet and mental disorders: results from a representative community survey. In: International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity, Ausgabe 9(67). DOI: 10.1186/1479-5868-9-67
  • Gorczyca, D., M. Paściak, B. Szponar, A. Gamian & A. Jankowski, 2011: An impact of the diet on serum fatty acid and lipid profiles in Polish vegetarian children and children with allergy. In: European Journal of Clinical Nutrition, Ausgabe 65, Seiten 191-195. DOI: 10.1038/ejcn.2010.231
  • Foto: kgbdd / flickr.com

5 Kommentare

Eingeordnet unter Ernährung, Medizin, Psychologie, Wissen(schaft)

5 Antworten zu “Umstrittene Vegetarier-Studie: Depressionen und Krebs durch Vegetarismus?

  1. Steffen Blaese

    Vielleicht auch nur ein Karnevalsscherz?

    Man sollte nicht unterschätzen, wie viel geistige und emotionale Kraft es kostet, mit der Unwissenheit und Intoleranz der Meute umzugehen. Ärzte wissen genau, dass nur Wenige so heroisch sind und sich nicht dem Gruppenzwang unterordnen. Lieber wird die Gesundheit ruiniert und werden Medikamente geschluckt, als auf schlechte Angewohnheiten zu verzichten. Die Kosten in den Gesundheitssystemen explodieren in den Industrieländern, was aber sicher nicht an der wachsenden Zahl von Veganern und Vegetariern liegt.

    Das Fazit DIESER Studie: Nichts Genaues wissen die, außer dass sie noch mehr Geld brauchen und gerne eine eigene Behörde hätten.

  2. [Update] Die Autoren geben nun an, keinerlei finanzielle Unterstützung für die Studie erhalten zu haben.

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  4. [Update] Auch von Fachkollegen und Lesern des Fachmagazins wird die Studie scharf kritisiert. Einer plädiert gar dafür, die Studie aufgrund von Mängeln zu widerrufen.

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