Eisbär und Klimawandel sind keine Freunde

Kann sich der Polarbär erneut einem wärmeren Klima anpassen? Wie ist es um seine Zukunft bestellt? Antworten liefern zwei kanadische Forscher in einer zusammenfassenden Studie. Ihnen zufolge wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit größtenteils aussterben. Und zwar im südlichen Teil seines Verbreitungsgebietes. Bis Mitte des Jahrhunderts könnte es zwei Drittel der weltweiten Population nicht mehr geben. Möglicherweise überlebe er mittelfristig im Norden Grönlands und auf arktischen Inseln Nordkanadas. Langfristig jedoch sei das Fortbestehen der Eisbären ungewiss, solange der Klimawandel voran schreite wie bisher. Vergangene erdgeschichtliche Warmphasen habe er dank gänzlich anderer Lebensumstände überlebt. Veröffentlicht wurde die Arbeit in dem wissenschaftlichen Fachjournal Global Change Biology. Sie berücksichtigt etwa 75 Studien.

Mit der Erderwärmung steigt die globale Durchschnittstemperatur. In der Folge schmilzt unter anderem das Meereis. Dicke, mehrjährige Eisplatten, werden zunehmend von jährlichem Meereis ersetzt, schreiben die Autoren der Studie. Dies bedrohe den wichtigsten Lebensraum der Polarbären. Denn vom Meereis aus jagen sie nach Robben. Sie sind die bedeutendste Nahrungsquelle für Eisbären. Von dort aber gibt es sie alljährlich nur wenige Wochen zu fangen. Deshalb fressen sich die Bären innerhalb jenes kurzen Zeitraums ein Fettpolster an. In den übrigen Monaten des Jahres halten sich die Robben im offenen Wasser auf. Dann sind sie nur sehr schwer zu erbeuten. Wenn allerdings das dünnere Meereis aufgrund des Klimawandels im Frühling eher schmilzt, bleibt den Polarbären weniger Zeit zum Jagen. Das wiederum führe dazu, dass sie länger fasten müssen. Infolgedessen seien sie in schlechterer körperlicher Verfassung, wodurch weniger und schmächtigere Junge zur Welt kämen und die Kleinen sowie andere Artgenossen leichter stürben.

Zwar haben die mächtigen Raubtiere vergangene Warmphasen in der Erdgeschichte auch überlebt. Aber die gegenwärtigen Umstände seien völlig andere: Heute mache ihnen zusätzlich der fortschreitende Lebensraumverlust durch den Menschen zu schaffen. Hinzu kommen Stressfaktoren wie menschliche Siedlungen, Giftstoffe in der Nahrungskette, Störungen durch industrielle Anlagen und eine verringerte Anzahl einiger ihrer Beutearten. Zudem weist die Eisbärbevölkerung eine geringe genetische Vielfalt auf, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt.

Eine Anpassung der Tiere an das veränderte Nahrungsangebot halten die Wissenschaftler für unwahrscheinlich. Studien hätten gezeigt, dass sie körperlich nicht in der Lage seien, mithilfe anderer Nahrungsquellen genügend Energie aufzunehmen. Jedoch könne der Hunger sie dazu bringen, verstärkt auf dem Festland nach Futter zu suchen. Eine Häufung von Konflikten zwischen Menschen und Bären könnte die Konsequenz sein.

 Weltweit gibt es heute schätzungsweise 20 000 bis 25 000 Eisbären.

 

  • Stirling, Ian & Andrew E. Derocher, 2012: Effects of climate warming on polar bears: a review of the evidence. In: Global Change Biology, Ausgabe 18(9), Seiten 2694-2706. DOI: 10.1111/j.1365-2486.2012.02753.x

  • Hailer, Frank, Verena E. Kutschera, Björn M. Hallström, Denise Klassert, Steven R. Fain, Jennifer A. Leonard, Ulfur Arnason & Axel Janke, 2012: Nuclear Genomic Sequences Reveal that Polar Bears Are an Old and Distinct Bear Lineage. In: Science, Ausgabe 336(6079), Seiten 344-347. DOI: 10.1126/science.1216424

  • Foto: Markusram / flickr.com

EXTRA

„Der Eisbärenknast“: Wie eine kanadische Kleinstadt mit Polarbären umgeht, die auf der Futtersuche zu nah an menschliche Siedlungen geraten. Ein etwa 6-minütiger Radiobeitrag zum Nachhören:

  • DRadio Wissen, Deutschlandradio (Hrsg.), 2012: Der Eisbärenknast. Mario Ludwig erklärt, warum ein kanadisches Städtchen Bären einsperrt. Vom 22.11.2012

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Eingeordnet unter Klima, Tiere, Wissen(schaft)

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