Artenvielfalt schmälert Ansteckungsrisiko für Mensch und Tier

Der Artenrückgang hat ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Mindestens 100 bis 1000 mal höher ist er heute, schätzen Wissenschaftler. Welche Folgen das für die Gesundheit vieler Lebewesen haben kann, zeigt eine Forschergruppe in einer Studie. Veröffentlicht wurde ihre Arbeit in dem wissenschaftlichen Fachjournal Nature. Darin stellten sie einen direkten Zusammenhang zwischen dem Verlust der Artenvielfalt und der Zunahme von Infektionskrankheiten bei Menschen, nicht-menschlichen Tieren sowie Pflanzen fest. Als Beispiele führen sie die Lyme-Borreliose, Malaria oder das West-Nil-Fieber an.

Den Forschern zufolge würden immer öfter neuartige, infektiöse Erkrankungen auftreten und zuvor seltenere in ihrer Häufigkeit zunehmen. Beteiligt seien daran unterschiedliche Krankheitserreger, wie Bakterien, Viren und Pilze. Ursächlich dafür können nach Erkenntnissen der Wissenschaftler eine Reihe von Faktoren sein. Zum einen fehlen die natürlichen Feinde und Konkurrenten der Krankheitsüberträger und Zwischenwirte. Zum anderen steige die Wahrscheinlichkeit einer Infektion enorm, da der Erreger aufgrund einer geringeren Artenvielfalt leichter einen passenden Wirt findet.

Ferner können weitere Einflüsse eine Rolle spielen. So erreiche fast die Hälfte aller weltweit seit 1940 neu erschienenen und zwischen Mensch und Tier übertragbaren Infektionskrankheiten den Menschen folgendermaßen: durch eine veränderte Landnutzung beispielsweise in Form von Waldrodungen, die Intensivierung der Landwirtschaft, Veränderungen in der Lebensmittelproduktion, durch die Jagd sowie den Verzehr von Wild. Letztere zwei Punkte seien diesbezüglich jedoch nur in Afrika und Asien relevant. Jene Eingriffe in die Natur bedeuten einen engeren und häufigeren Kontakt zwischen Mensch und Erreger. Zusammen mit dem Verlust der Artenvielfalt steigere das die Ansteckungsgefahr.

Sobald ein Erreger einen neuen Wirt gefunden hat, sei die Populationsdichte von Bedeutung. Das Nipah-Virus zum Beispiel, welches zum Tode führen kann, siedelte in Malaysia von wilden Flughunden auf domestizierte Schweine über. Da die Zahl der Exemplare in den Ställen hoch und die Artenvielfalt gering war, konnte sich das Virus unter den Schweinen verbreiten. Von dort erreichte es schließlich auch den Menschen.

Besonders diejenigen Arten, die dem Artenschwund bislang eher trotzen, dienen den Krankheitserregern als Wirte. Warum gerade die widerstandsfähigen Arten von ihnen bevorzugt werden, bleibt unklar. Für die Studie werteten die Wissenschaftler vorhandene Arbeiten aus und führten eigene Versuche durch.

Auch Ökosysteme mit einer geringeren Artenvielfalt büßen einen Teil ihrer Funktionen ein, beispielsweise Kohlenstoff zu speichern und Dürren entgegenzuwirken, fügen die Autoren der Studie an. Auf beide Fähigkeiten sei der Mensch angewiesen. Hinzu komme die bedeutende Leistung einer hohen Biodiversität: die Senkung des Ansteckungsrisikos.

 

  • Keesing, Felicia, Lisa K. Belden, Peter Daszak, Andrew Dobson, C. Drew Harvell, Robert D. Holt, Peter Hudson, Anna Jolles, Kate E. Jones, Charles E. Mitchell, Samuel S. Myers, Tiffany Bogich & Richard S. Ostfeld, 2010: Impacts of biodiversity on the emergence and transmission of infectious diseases. In: Nature, Ausgabe 468, Seiten 647-652. DOI: 10.1038/nature09575

EXTRAS

Radiobeitrag zum Hören und Nachlesen mit Felicia Keesing, Erstautorin der Studie und Biologieprofessorin an der Bard-Hochschule Annandale, New York. Unter anderem spricht sie über mögliche Theorien dazu, weshalb gerade widerstandsfähige Arten von den Krankheitserregern als Wirte bevorzugt werden:

  • Deutschlandradio (Hrsg.), 2012: Gestörte Ökosysteme machen krank. Forscher untersuchen Zusammenhang zwischen Habitatverlust und neu auftretenden Krankheiten. Von Monika Seynsche, 26.04.2012

Frei zugängliche Studie über die Gründe und Auswirkungen des weltweiten Rückgangs der Geier-Bestände:

  • Ogada, Darcy L., Felicia Keesing & Munir Z. Virani, 2012: Dropping dead: causes and consequences of vulture population declines worldwide. In: Annals of the New York Academy of Sciences, Ausgabe 1249, The Year in Ecology and Conservation Biology, Seiten 57-71. DOI: 10.1111/j.1749-6632.2011.06293.x

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Eingeordnet unter Medizin, Pflanzen, Tiere, Umwelt, Wissen(schaft)

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